Mozart Requiem KV 626 Fassung Karl Marguerre & Dorothee Heath
Mozart Requiem KV 626Fassung Karl Marguerre & Dorothee Heath

Zur Orchesterbesetzung in Mozarts Requiem

Die Instrumentalbesetzung der vorliegenden Fassung des Mozart-Requiems sieht zusätzlich zu den Bassetthörnern in den Holzbläsern auch Flöten, Oboen und Klarinetten vor. Marguerre folgt damit der  Vermutung Friedrich Blumes, des  ersten Herausgebers der Enzyklopädie MGG (Musik in Geschichte und Gegenwart). Blume findet, das Mozart-Requiem in der traditionellen Gestalt mit Süßmayrs Ergänzungen sei „beherrscht von der Uniformität eines starren Besetzungskörpers, den Mozart so sicher nicht gewollt hat“ (1). 

     Tatsächlich stellt sich mit der Frage der Instrumentierung in Mozarts Requiem gleichzeitig die Frage nach dem passenden instrumentalen Gewand, in das die Grundaussage des Werkes gekleidet werden sollte. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts werden traditionell bestimmte Tonarten bestimmten Affekten oder Stimmungen zugeordnet. Der klare Tonartenplan des Requiems legt nahe, dass Mozart die verschiedenen Holzbläsergruppen für die Verdeutlichung der verschiedenen Aspekte des Todesthemas eingesetzt hätte: nicht nur für die Darstellung des traurigen Aspektes (im Introitus in dmoll) und für den Ausdruck des Flehens um Gnade (im Recordare in F-Dur mit den Bassetthörnern in F), sondern auch für die Darstellung der existenziellen Angst des Menschen (im Dies irae in d-moll mit den oktavierenden Flöten), für die Lobpreisung des Herrn (im Sanctus im strahlenden D-Dur mit Flöten und Oboen), für den Ausdruck der Sehnsucht nach der himmlischen Liebe (im Benedictus in B-Dur mit den B-Klarinetten) und schließlich für das Erreichen von Klarheit und Frieden (in der C- Dur Kadenz im Agnus Dei mit den Oboen).

      Berücksichtigt man die hohe Instrumentierungskunst Mozarts und seiner Zeitgenossen, scheint es nicht plausibel, dass Mozart ausgerechnet in seinem letzten Werk auf die klangliche Realisierung der im Text beschriebenen konträren Bilder und der damit verbundenen konträren Gefühle verzichtet hätte - und ganz besonders auf den Ausdruck der Sehnsucht nach dem Schönen und Hellen in der klanglichen Verkörperung durch die hohen Bläser. Solange keine philologischen Nachweise zur Besetzung der einzelnen Sätze des Mozart-Requiems gefunden werden, kann die Besetzungsfrage zwar in der Theorie weder in die eine noch in die andere Richtung entschieden werden. In der Praxis jedoch zeigt die vorliegende Fassung zum ersten Mal in der Geschichte des Requiems eine Alternative zur tradierten, ungewöhnlich matt-klingenden Instrumentierung auf: mit einer differenzierten Orchesterbesetzung, die als typisch für ein Werk dieser Größe, dieser Bedeutung und dieser inhaltlichen Aussage von Mozart gelten kann. 

Dorothee Heath, 22.11.2016

(1) Friedrich Blume: Mozart Requiem, London u. a. 1932. Vorwort zu seiner als Taschenpartitur erschienen Edition des Mozartrequiems bei Eulenburg, vierte, nicht nummerierte Seite des deutschen Vorworts

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